Leseprobe

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Hier schonmal ein Auszug:

Die befreiende Kraft des Augenblicks
Nach dreistündigem Anstieg, der nicht nur körperlich anstrengend war, sondern ebenso ein Höchstmaß an Konzentration erforderte, erreichen wir die Bergspitze, und ein atemberaubendes Panorama eröffnet sich vor uns: eine Weite und Schönheit, die uns alle Mühen vergessen lässt. Die pastellenen Töne der kahlen Berggipfel sind getragen von einem lebendig satten Grün der Täler tief unten, wir spüren die kristallklare Luft, und ein beständiger Wind kühlt uns die schweißnasse Stirn. Wir stehen schweigend da, und der Blick findet in fast unendlicher Ferne einen Ruhepunkt.
Sicherlich kennt jeder von uns solche erfüllenden Momente des bloßen Seins, des nackten Gewahr-Seins, in denen die normale innere Geschäftigkeit zur Ruhe kommt und Erleber und Erlebtes zu einer Einheit verschmelzen. In einem derartigen Moment zeigt sich die Kraft des Augenblicks, es ist ein Erleben, das geprägt ist von der Intensität der Erfahrung, in der Erwartungen, Hoffnungen und Befürchtungen keinen Platz haben. Es ist ein Moment, in dem man, für diese kurze Zeit, sich selbst vergisst.
Auch wenn Sie kein Liebhaber der Berge sind, kennen Sie sicherlich ähnliche Situationen: Momente völliger Offenheit und Verliebtheit, in denen nur das Glück des Partners eine Rolle spielt; Momente, in denen elterliche Zärtlichkeit und die Liebe für das neugeborene Kind aufwallen und sich jede Sorge oder geistige Einengung für eine Weile auflöst; ein tiefroter Sonnenuntergang über dem fernen Horizont des offenen Ozeans.
Ob wir uns im freien Fall befinden, bevor sich der Fallschirm öffnet, uns mit nur wenigen Fingern in der Felswand festkrallen oder uns bei romantischem Kerzenschein in den Augen des Gegenübers verlieren, all diese Situationen haben eines gemeinsam: Die Erfahrung unermesslicher Fülle durchdringt uns. Es geschieht, wenn wir uns selbst vergessen, wenn die Intensität der Erfahrung zu groß ist, um an Einkaufsliste oder Überziehungskredit zu denken, wenn unser Gefühl von Verbundenheit über Mein und Dein hinausgeht. Immer dann passiert etwas Ungewöhnliches und Überwältigendes: Ein Meer (oder Mehr) an Reichtum wird erfahren.

Sie mögen sagen: »Schön und gut, solche Momente mag es geben - aber letztendlich ist das weit von meinem Alltagsleben entfernt.« Ich wage zu widersprechen: Verlagern wir den Blick von den verschiedenen Inhalten und Bedingungen derartig erfüllter Momente auf die ihnen zugrunde liegenden Gemeinsamkeiten, so wird ein allgemeines Muster deutlich. Diese Augenblicke der Erfüllung teilen eines miteinander: Unsere gewohnheitsmäßigen Gedanken und Vorstellungen treten in den Hintergrund und die volle Kraft der Erfahrung kommt zum Vorschein. Diese Momente ohne Zwar und Falls, ohne Wenn und Aber zeigen uns, dass es möglich ist, einen derartigen Reichtum zu erfahren. Und die beste Botschaft ist: Sie müssen dafür keinen schweren Berganstieg bewältigen und sich auch nicht in viertausend Metern Höhe aus einem funktionierenden Flugzeug werfen! Was diese Momente zum Durchschimmern bringen, ist ein Schatz inneren Reichtums, der in jedem von uns ruht und nur darauf wartet, entdeckt und geborgen zu werden.
Dass unterschiedlich gestrickte Personen unter unterschiedlichen Bedingungen und in unterschiedlichen Situationen derart erfüllende Erfahrungen haben, macht deutlich, dass diese letztendlich nicht von bestimmten äußeren Situationen abhängen. Ob wir derartige Momente erleben, hängt vielmehr davon ab, wie sehr wir feste Gewohnheiten und Vorstellungen loslassen können, wie sehr wir uns davon lösen können, etwas sein und darstellen zu müssen, bestimmten Erwartungen zu entsprechen oder unsere eigenen Erwartungen in die Welt und auf unsere Mitmenschen zu projizieren.
Wenn dem so ist, dann geht es praktisch gesehen offensichtlich darum, ob sich derartige Erlebnisse kultivieren lassen. Was können wir tun, um auch im Alltag erhabene Momente zu erleben, um insgesamt mehr Erfüllung zu erfahren? Die Antwort auf diese Frage ist fast ein Paradoxon: Sie werden sicherlich sofort erkannt haben, dass uns eine starke Erwartung solcher Erfahrungen aus dem Reichtum des Augenblicks katapultiert oder sogar von vornherein verhindert, dass wir derartige Erfahrungen erleben. Es ähnelt dem Versuch, ein Gegenüber zu mehr Spontaneität zu bewegen: Die Aufforderung »Sei doch spontan!« hat, wenn sie überhaupt etwas bewirkt, eher den umgekehrten Effekt! Ebenso ist es schwierig, auf Befehl einzuschlafen. Wenn wir erwarten, einen Zustand frei von Erwartung zu erleben, haben wir also ein Problem. Trotzdem ist es natürlich möglich, spontan zu sein, und die meisten Mitmenschen sind auch in der Lage einzuschlafen. Spontaneität zeigt sich immer dann, wenn wir uns in einer gegebenen Situation zu Hause fühlen, und wir schlafen ein, wenn das nötige Maß an Ruhe, Dunkelheit, Müdigkeit und ein Ruheplatz zusammenkommen. Wenn die richtigen Bedingungen vorhanden sind, ist es also möglich, Zustände, die schwer direkt erzeugt werden können, zu erfahren.
Wie aber kommen wir nun an die Erfahrung von unbedingtem Reichtum und wahrer Erfüllung heran? Mein buddhistischer Lehrer, Lama Ole Nydahl, vergleicht die Situation manchmal mit dem Versuch, unser eigenes Glück um einen runden Tisch zu jagen. Wir rennen und rennen, können das Glück jedoch nie so recht erhaschen oder gar festhalten. Bleiben wir aber stehen, springt uns das Glück in den Rücken.